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Pädagogik und human enhancement

Pädagogik und Human Enhancement
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peDOCSDeutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF)Mitglied der Leibniz-GemeinschaftInformationszentrum (IZ) BildungSchloßstr. 29, D-60486 Frankfurt am MainE-Mail: pedocs@dipf.deInternet: www.pedocs.de Pädagogik und Human Enhancement

Abstract
Immanuel Kant once compared people with a piece of wood. The man is a crooked wood that could not be made completely straight. Only an approximation of the idea would be possible. In other words: Through education, the imperfect man and thus hu-manity as a whole can not be improved sufficiently to reach perfection. The reason is the lack of raw material. In its history, education has always tried to influence this ma-terial. Educators have therefore not only educated, but people actively breeding. Today, in the age of modern biological sciences, it is possible to act creatively on the genes of an unborn human being, to provide better starting material. Therefore a fundamental educational dreams come true? Es gibt Menschen, von denen man durchaus behaupten kann, dass sie einen gewissen Hang zum Pessimismus haben. Einer der größten Pessimisten und noch dazu Misanth-ropen der Geisteswissenschaften ist der Frankfurter Philosoph Arthur SCHOPENHAUER. Im Jahre 1840 bewirbt sich SCHOPENHAUER mit einer akademischen Preisschrift über die Grundlagen der Moral an der Königlich Dänische Societät der Wissenschaften. Eine Auszeichnung erhält SCHOPENHAUER nicht, im Gegenteil rügt ihn die Societät ganz ausdrücklich dafür, dass er sich in seiner Schrift auf „unziemliche“ und „Anstoß erre-gende Art“ über hervorragende Denker der Neuzeit äußert. Gemeint ist damit insbeson-dere Georg W. F. HEGEL. Über HEGEL schreibt SCHOPENHAUER, er sei ein „sehr ge-wöhnliche[r] Kopf, aber ungewöhnliche[r] Scharlatan“ und habe auf die Philosophie und „dadurch auf die Deutsche Litteratur überhaupt [.] einen höchst verderblichen, recht eigentlich verdummenden, man könnte sagen pestilenzialischen Einfluß“ (SCHO-PENHAUER 1840/1977, S. 18). Was er schreibt, sei „freche[s] Anpreisen und Aufdringen des Falschen, Schlechten und Kopfverderbenden“, „eine alle Geisteskräfte lähmende, alles wirkliche Denken erstickende [.] hohlste[.], sinnleerste[.], gedankenloseste[.] verdummenste[.] Pseudophilosophie“ (ebd., S. 19). Nun spielt dieser im höchsten Ma-ße gescholtene HEGEL für die Pädagogik eine nicht unerhebliche Rolle. Als Rektor eines Nürnberger Gymnasiums hat er sich auch zum Thema Erziehung geäußert. In dem Be-griff Erziehung steckt, so HEGEL, der Begriff Zucht. Wenn wir also von Erziehung (und damit eben auch von Zucht) sprechen, dann meinen wir, dass wir den Menschen auf ein festes Ziel hin (er)ziehen (vgl. HEGEL 1837, S. 322). Dieses Ziel, das HEGEL im Übri-gen nicht näher benennt, ist – so meine These – die Vollkommenheit. Der Versuch, den Menschen bzw. die Menschheit insgesamt zu verbessern und zur Vollkommenheit zu führen, wurde in der Vergangenheit nicht nur von der Pädagogik, sondern auch von den Biowissenschaften verfolgt. Über Erziehung auf den Menschen einzuwirken, ist eine ausgesprochen zeitaufwendige Angelegenheit, noch dazu mit ungewissem Ausgang. Nicht zuletzt deshalb, weil sich der Mensch mit seinem Eigensinn den erzieherischen Maßnahmen nicht selten widersetzt. Es stellt sich daher die Frage, ob heute, wo wir mit-tels Gentechnik in das menschliche Erbgut eingreifen können, die Biowissenschaften nicht sehr viel effizienter in der Lage sind (oder in absehbarer Zeit sein werden), Men- schen zu verbessern. Wird es für die Pädagogik möglicherweise angesichts der techni-schen Entwicklungen allmählich Zeit abzutreten? Im Folgenden werde ich u. a. dieser Frage nachgehen. Sein oder Nicht-Sein
Pädagogik ist eine ausgesprochen spannende Wissenschaft. Nun werden vermutlich vie-le, vielleicht sogar die meisten Wissenschaftler dasselbe von ihrem Fach behaupten. In der Pädagogik ist diese Spannung jedoch in besonderer Weise begründet, denn ihr Ge-genstand ist ganz und gar rätselhaft und in seiner Tiefe unbegreifbar. Es handelt sich – natürlich – um den Menschen. Was aber ist eigentlich so rätselhaft und unbegreifbar am Menschen? Ad hoc könnte man hier freilich viele Punkte anführen, z.B. ist es faszinie-rend, dass Menschen unterschiedlich sind. Bei über 7 Milliarden Exemplaren – was zu-gegebenermaßen eine ganze Menge ist – gibt es keine zwei Menschen, die völlig iden-tisch sind. Sicher, es gibt unter den 7 Milliarden zahlreiche Zwillinge, die sich wie ein Ei dem anderen gleichen. In ihrem Charakter, ihrem Denken und Fühlen wird es aber zweifellos Unterschiede geben, und seien sie auch noch so gering. Für die Pädagogik, die eine Wissenschaft vom Menschen, also eine Humanwissenschaft, ist, erweisen sich die Unterschiede unter den Menschen als Fluch und Segen zugleich. Als Fluch deshalb, weil es nicht das eine Erziehungs- bzw. Bildungsmodell gibt, das für alle Menschen gleicherweise geeignet ist. Pädagogik muss sich daher immer wieder auf den jeweils Einzelnen, mit dem sie es zu tun hat, einlassen. Und sie wird feststellen, sofern sie denn hinhört und hinschaut, dass jeder Einzelne etwas ganz Besonderes mitbringt, etwas, das eigenartig und neu ist und nur mit diesem einen Menschen einhergeht. Dieses Neue ist in der Lage, alles bisher Dagewesene in Frage zu stellen. Und eben diese Unerschöpf-lichkeit, die im Gegenstand der Pädagogik, genauer: im Wesen des Menschen begründet ist, stellt aus meiner Sicht den Segen dieser Disziplin dar. Nun könnte man völlig zurecht die Frage stellen, warum der Mensch seinem Wesen nach unerschöpflich, rätselhaft und unbegreifbar ist. Warum unterscheiden sich die Menschen voneinander, selbst wenn sie über das exakt gleiche Genmaterial verfügen? Bei dem Versuch, diese Fragen zu beantworten, müssen wir uns dem zuwenden, was der Mensch ist. Wir haben es also mit dem Sein des Menschen zu tun. Das Besondere am Menschsein kann man – so merkwürdig das erst einmal erscheinen mag – am Bei-spiel eines Buches erläutern. Nehmen wir den Roman „Brave New World“ von ALDOUS HUXLEY. Mir geht es an dieser Stelle weniger um den Inhalt des Romans, sondern um das Buch als materiellen Gegenstand, so, wie es just in diesem Moment vor mir auf dem Tisch liegt. Was unterscheidet dieses Buch seinem Wesen nach von einem Menschen? Ganz einfach: Das Buch ist, was es ist. Ohne Weiteres könnte man das auch von einem Menschen behaupten. Richtig deutlich wird der Unterschied spätestens dann, wenn wir danach fragen, was das Buch sein kann. Nichts kann es sein! Es ist, was es ist, nämlich ein Buch. Natürlich kann ich es lesen und anschließend in den Ofen werfen, kann aus dem Buch also Brennmaterial machen. Das aber ändert nichts daran, dass das Buch im-mer nur das ist, was es ist. Anders beim Menschen. Stellen Sie sich einen Lehrer vor. Er hat mehrere Jahre studiert, erfolgreich sein Examen abgelegt, sein Referendariat absol-viert und unterrichtet seit vielen Jahren Schulklassen. Er ist zweifellos und ganz offiziell Lehrer. Wenn er aber am späten Nachmittag die Schule verlässt und seine Tochter vom Kindergarten abholt, ist er Vater und nicht mehr Lehrer. Auch könnte er mitten im Un-terricht den Raum verlassen, ins Auto steigen und der Schule für immer den Rücken kehren, um sich als Horrorschriftsteller oder Travestiekünstler zu verwirklichen. Der Grund, warum sich der Mensch (in unserem Fall: der Lehrer) im Gegensatz zum Buch verändern kann, liegt in seinem Sein begründet. Im Jahre 1943, also mitten im zweiten Weltkrieg, hat der französische Autor und Philo-soph Jean-Paul SARTRE sein Hauptwerk veröffentlich. Der Titel dieses über 1000 Seiten umfassenden Buches lautet Das Sein und das Nichts. SARTRE hat in diesem Hauptwerk herausgearbeitet, dass der Mensch ontologisch (also: seinsmäßig) von sich selbst ge-trennt ist. (vgl. SARTRE 1943/2007). Wir können das ganz wunderbar am Beispiel des Lehrers beobachten. Der Lehrer ist ja nicht als Lehrer vom Himmel gefallen, es handelt sich vielmehr um einen Menschen, der für sich irgendwann einmal die Entscheidung ge-troffen hat, Lehrer zu werden. Also hat er an seinem Ziel gearbeitet. Man könnte auch sagen: Er hat sich zum Lehrer gemacht. Aber so ganz scheint das nicht funktioniert zu haben, denn im Gegensatz zum Buch, das sich niemals zu etwas anderem machen kann, verfügt der Lehrer grundsätzlich über die Fähigkeit, seinen Job hinwerfen und Autor (o-der eben Travestiekünstler) zu werden. Der Mensch kann sich – um es mit SARTRE aus-zudrücken – zu etwas anderem entwerfen. Um das zu können, muss der Mensch jedoch ein stückweit von sich selbst getrennt sein. Anders formuliert: Während das Buch als bloßes Ding mit sich selbst identisch ist, erweist sich das Menschsein als ein nicht-identisches. Der Mensch ist von sich selbst durch ein Nichts an Sein getrennt. Und ge-nau dieses Getrenntsein von sich selbst ermöglicht es ihm, sich zu entwerfen und damit etwas aus sich zu machen. Zucht und Ordnung
Das klingt alles sehr positiv: Der Mensch hat die Möglichkeit, etwas aus sich zu ma-chen. Diese Möglichkeit ist allerdings bei genauerem Hinsehen auch eine Nötigung. Denn gerade weil der Mensch nicht ganz und gar ist, was er ist, muss er sich zu etwas machen. Dieses Sich-zu-etwas-machen, man könnte auch sagen: dieser Selbstentwurf, ist im wahrsten Sinne des Wortes ein notwendiger. Die Not besteht nämlich darin, dass sich das menschliche Sein durch einen Mangel an Sein auszeichnet. Diesen Mangel, diese Not, muss der Mensch wenden. Und das macht er, indem er aus sich etwas macht, also sich selbst gestaltet. Selbstgestaltung hat eine ganz Menge mit Pädagogik zu tun. Wenn wir nämlich von Pädagogik sprechen und uns die Frage stellen, was Pädagogik eigentlich will, dann kommen uns recht schnell Begriffe wie Selbstbestimmung und Mündigkeit in den Sinn. Auf den Punkt gebracht: Pädagogik soll den Menschen dazu befähigen, selbstbestimmt sein Leben in dieser Gesellschaft nach seinen Vorstellungen gestalten zu können. Wenn wir SARTRE ernst nehmen, stellen wir fest, dass der Mensch sein Leben bzw. sich selbst sogar gestalten muss! Er kann gar nicht anders. Sein Mangel an Sein, seine Nicht-Identität nötigen ihn dazu. Und zugleich wird anhand dieser Über-legungen deutlich, warum der Mensch überhaupt nach etwas strebt. Er versucht, seinen Mangel zu überwinden, die Leere, das Nichts an Sein, zu füllen. Wenn der Mensch sei-nen Mangel an Sein (auf-)füllen und sich damit zur Fülle bringen will, ist das im Kern nichts anderes als der Versuch, sich zu vervollkommnen. Der Mensch strebt also nach Vollkommenheit. Das Streben nach Vollkommenheit, der Versuch, die Menschheit insgesamt zu vervoll-kommnen, ist der Pädagogik alles andere als fremd. Um das zu verdeutlichen, macht es Sinn, eine kleine – und soviel sei vorweg gesagt: höchst aufschlussreiche - Reise in die Vergangenheit anzutreten. Als eigenständige Wissenschaftsdisziplin gibt es die Pädago-gik seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Einer der ganz großen dieser Disziplin ist Immanuel KANT. Im Jahre 1784 hält KANT in seiner Schrift Idee zu einer allgemei-nen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht Folgendes fest: „[A]us so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden. Nur die Annäherung zu dieser Idee ist uns von der Natur auferlegt.“ (KANT 1838, S. 325). Die Idee, von der KANT hier spricht, ist die Vorstellung vom vollkommenen Menschen. Unglücklicherweise gibt es den Vollkommenen nicht, sondern nur den tatsächlichen Menschen, der, frei nach dem Sprichwort: „Nobody is perfect“, nun einmal fehlerhaft ist. Ganz egal, wie gut nun der Mensch erzogen wird, steht für KANT fest, dass die Vollkommenheit nicht erreicht werden kann (was laut KANT niemanden davon abhalten soll, es dennoch zu versuchen). Der Grund für dieses notwendige Scheitern liegt, wenn wir das Zitat ernst nehmen, im Ausgangsmaterial. Derart krumme Hölzer gerade zu ma-chen ist nach KANT auch für den besten Pädagogen nicht zu schaffen. Nehmen wir aber an, es wäre möglich, auf das Ausgangsmaterial Einfluss zu nehmen. Nehmen wir einmal an, wir könnten tatsächlich dafür sorgen, dass es die Pädagogen von Anfang an mit we-niger krummen, vielleicht sogar mit geraden Hölzern zu tun hätten. Dieser Gedanke wurde bereits im 4. Jahrhundert vor unserer Zeit gedacht und zwar von keinem Geringe-ren als PLATON. In seiner Politeia entwirft PLATON das Bild eines idealen Staates (vgl. PLATON 2008). Ein solcher Idealstaat hat allerdings seine Tücken, denn eine Idee ist grundsätzlich et-was Feststehendes und Unveränderliches. Nun besteht aber ein Staat notwendigerweise aus Menschen, und wenn man Menschen eine Eigenschaft mit absoluter Gewissheit nachsagen kann, dann ist es die, dass sie sich unentwegt verändern. Die große Heraus-forderung stellt sich für PLATON also darin, einen vollkommenen, idealen Staat mit Menschen zu verwirklichen, die alles andere als ideal, sondern höchst real und unvoll-kommen sind. Nun muss man wissen, dass bei PLATON das Vollkommene zugleich das Maßvolle ist. Es geht also beim idealen Staat ganz wesentlich darum, alles im rechten Maß zu halten. Um zu verstehen, was das heißt und wie das rechte Maß zu verwirkli-chen ist, müssen wir uns die Konzeption des Idealstaates genauer anschauen. PLATON geht in seinen anthropologischen Vorstellungen (also in seinen Vorstellungen vom Menschen) davon aus, dass jeder über eine Seele verfügt, die aus drei Teilen besteht: Begehren, Wille und Vernunft. Diese Teile sind allerdings bei jedem verschieden stark ausgeprägt, d.h. die Menschen werden mit einer unterschiedlichen Verteilung der Anla-gen geboren. Bei PLATON geht es nun im Zuge der Erziehung darum, herauszufinden, bei wem welche Anlage die dominante ist. Das ist deshalb entscheidend, weil jeder im platonischen Staat genau die Aufgabe übernehmen soll, zu der er entsprechend seiner Anlagen am besten geeignet ist. Diejenigen, bei denen die Begierde das stärkste Seel-englied darstellt, werden dem Stand der Bürger zugeordnet. Bürger erhalten im Übrigen nur eine sehr rudimentäre Erziehung. Hingegen wird bei Menschen mit einem ausge-prägten Willen die Erziehung fortgeführt. Sie werden zu Wächtern erzogen. Stellt sich im Zuge dieser höchst selektiven Erziehung heraus, dass eine besondere Begabung zur Vernunft vorhanden ist, kann der Erziehungsprozess alles in allem bis zu 50 Jahre an-dauern. Diejenigen, die sich nach dieser Zeit als die Vernunftbegabtesten herauskristal-lisiert haben, werden in den Regentenstand erhoben. Im Wesentlichen haben die Regen-ten zwei Aufgaben. Sie müssen zum einen für die Erziehung Sorge tragen (wir sehen al- so, welch hohen Stellenwert die Rolle des Erziehers im platonischen Staat hat). Zum anderen sollen sie Menschenzucht betreiben. Ganz konkret geht es darum, das Leben im Staat so zu lenken und zu gestalten, dass sich ausschließlich die Jungen, Gesunden und Starken fortpflanzen. So etwas wie Fami-lien soll es im Idealstaat nicht geben, im Gegenteil sollen Männer und Frauen nur wäh-rend des Fortpflanzungsakts eine kurzfristige Gemeinschaft bilden. Die Kinder werden nach der Geburt der Obhut des Staates übergeben, wobei nur die gesunden erzogen und damit Teil des Staates werden. Alle anderen Kinder werden an einem geheimen Ort ausgesetzt. Damit in jedem der drei Stände genügend Menschen vertreten sind, ist es aus PLATONS Sicht absolut erforderlich, dass die Regenten für eine entsprechende Paa-rung sorgen. Bei alledem ist PLATON sich durchaus über die Gefahr von Tumulten im Klaren, denn nicht jeder wird mit dem staatlich verordneten Zuchtplan einverstanden sein. Schließlich fehlt den meisten Bewohnern die Vernunft, um die Großartigkeit des Plans gänzlich zu verstehen. Genau aus diesem Grund sollen einzig und allein die Re-genten Einblick in den „geheimen“ Plan erhalten, für alle anderen reicht es aus, nur so-viel wissen, wie für die Umsetzung des Planes erforderlich ist. Um es klipp und klar zu formulieren: Aus PLATONS Sicht ist Menschenzucht mit dem Ziel eines idealen und da-mit vollkommenen Staates etwas zutiefst Vernünftiges. Wir können bei PLATON zwei entscheidende Punkte feststellen: 1. Erziehung ist auf die Vollkommenheit ausgerichtet. Das Vollkommene ist bei PLATON der Idealstaat. Und 2. Das gezieltes Eingreifen in das Fortpflanzungsverhalten der Menschen führt dazu, auf das Ausgangsmaterial mittelbar Einfluss zu nehmen. Der neue Mensch
Die naturwissenschaftlichen Theorien und Entdeckungen der Neuzeit haben viel dazu beigetragen, die einstige Vorstellung von der Menschenzucht praktisch werden zu las-sen. Francis GALTON, ein Cousin von Charles DARWIN, vertritt im ausgehenden 19. Jahrhundert die Auffassung, die Gesellschaft befinde sich in der großen Gefahr, mehr und mehr zu degenerieren. Den Grund für diese Degeneration sieht GALTON im Wohl-fahrtsstaat. Mit drastischen Worten ausgedrückt kann man GALTONS Überlegungen fol-gendermaßen zusammenfassen: Unter natürlichen Gegebenheiten würden die Schwa-chen der Gesellschaft – gemeint sind die Kranken, die Faulen und die Dummen – nach und nach aussterben. Da sie aber von den Gesunden, Fleißigen und Intelligenten unter-stützt und durch Sozialmaßnahmen gewissermaßen künstlich am Leben erhalten wer-den, haben sie die Möglichkeit, sich fortzupflanzen und ihre schlechten Anlagen weiter zu verbreiten. Infolge dessen wird das Erbmaterial einer Gesellschaft insgesamt ver-schlechtert. Diese Überlegungen sind an sich nicht neu, bereits 100 Jahre vor GALTON hat der anglikanische Geistliche und spätere Professor für Geschichte und politische Ökonomie, Thomas R. Malthus, in einem anonym veröffentlichten Aufsatz einen ähnli-chen Gedanken geäußert. Malthus plädierte seinerzeit dafür, an die Moral der Menschen zu appellieren. Er war fest davon überzeugt, dass es möglich sei, jeden zu moralischem Handeln zu erziehen, und damit würde jeder, ja selbst der Einfältigste, zur Einsicht ge-langen, dass er erst dann heiraten und sich fortpflanzen darf, wenn er in der Lage ist, seine Familie auch selbst zu finanzieren. Die Auffassung, Erziehung habe einen prägen-den Einfluss auf den Menschen, teilt GALTON hingegen nicht. GALTON erweist sich vielmehr als Vertreter einer sogenannten harten Vererbungslehre. „Hart“ meint in die-sem Zusammenhang, dass Umwelteinflüsse – und Erziehung ist ein Umwelteinfluss – keine Auswirkungen auf die Veranlagung eines Menschen haben. Hinzu kommt, dass GALTON und zahlreiche weitere Vertreter der harten Vererbungslehre davon überzeugt sind, dass charakterliche Eigenschaften und damit Moralität ebenso wie Haar- und Au-genfarbe vererbt werden. 1883 „erfindet“ Galten den Begriff Eugenik, was soviel wie gutes Geschlecht heißt. Eugenik ist dabei mehr als nur eine Zuschreibung, mit dem Be-griff gehen vielmehr ganz konkrete Maßnahmen einher, schlechte Erbanlagen aus dem Genpool zu beseitigen und gute zu befördern. Diese und ähnliche Überlegungen wurden von der Pädagogik zu Beginn des 20. Jahrhunderts teils mit Begeisterung aufgenom-men. Pünktlich zur Jahrhundertwende veröffentlicht die schwedische Reformpädagogin Ellen KEY ihr pädagogisches Hauptwerk Das Jahrhundert des Kindes. Sie widmet dieses Buch „[a]llen Eltern, die hoffen, im neuen Jahrhundert den neuen Menschen zu bilden“ (KEY 1902/1992). Im ersten Kapitel spricht sich KEY für etwas sehr Merkwürdiges aus und zwar für das Recht des Kindes, seine Eltern zu wählen. Natürlich weiß KEY, dass es sich dabei nicht um ein Recht handelt, welches vom noch nicht gezeugten Kind in ir-gend einer Weile einklagbar wäre. Es ist vielmehr ein Recht, das die potenziellen Eltern stets im Blick haben sollten. Das Kind, so KEY, hat das Recht auf Liebe, aber auch auf Gesundheit und gutes Erbmaterial. Ganz eindrücklich appelliert sie u.a. mit Verweis auf Francis GALTON, die Pädagogik müsse die Erkenntnisse der Vererbungslehre endlich berücksichtigen. Wenn es darum geht, den Menschen zu befähigen, eben nicht impulsiv und unüberlegt, sondern besonnen und vernünftig zu handeln, dann betrifft das auch die Partnerwahl und die Entscheidung zur Fortpflanzung. Es reicht also keineswegs aus, dass der Einzelne seine Bedürfnisse befriedigt, sondern es geht um die Menschheit, ge-nauer: um die Verbesserung der Menschheit insgesamt. Ist das eigene Erbmaterial oder das des Partners nicht hinreichend, kann also der Einzelne zur Verbesserung des Men-schen nichts beitragen, so gilt es auf die Fortpflanzung zu verzichten. Ellen KEY geht es dabei nicht um das einzelne Kind, sondern um die Menschheit insgesamt. Damit ist auch das erbgesunde Kind nur Mittel zum Zweck, und der Zweck ist der „Veredelung“ der Menschheit. Ausgesprochen hart urteilt die Reformpädagogin über körperlich und geistig Behinderte. Hier spricht sie sich, indem sie indirekt auf PLATON und dessen idea-len Staat verweist, entschieden für Euthanasie aus. Der neue Mensch, den es im neuen Jahrhundert zu bilden gilt, soll also über gesundes Erbmaterial verfügen und demjeni-gen, dessen Anlagen nicht hinreichend sind, im Extremfall das Leben nehmen – stets zum Wohle der Menschheit. Mit ihren Überlegungen hat KEY maßgeblich zur Populari-sierung der Eugenik in der Pädagogik beigetragen. Wenn es nun aber tatsächlich so sein soll, dass sich allein diejenigen mit gutem Erbma-terial fortpflanzen, müssen die potenziellen Eltern sowohl über die Qualität ihres eige-nen Erbmaterials als auch über das des Partners Bescheid wissen. Die genetische Ab-stammung muss also dokumentiert werden. Um das Jahr 1900 herum wurden die Verer-bungsregeln des Augustinerabts Gregor Mendel wiederentdeckt. An Bohnen und Erbsen hat Mendel bereits in den 1860er Jahren nachgewiesen, dass Eigenschaften rezessiv, al-so gewissermaßen unsichtbar von einer Generation an die nächste weitergegeben wer-den. Erfreulicherweise hat Mendel, der zugleich ein begnadeter Statistiker war, aufge-zeigt, nach welchen Regeln Merkmale vererbt werden. Was bei Bohnen und Erbsen funktionierte, wurde von den Befürwortern der Eugenik auf alle erdenklichen körperli-chen und geistigen Eigenschaften übertragen. Anhand des Stammbaums war es also al- lem Anschein nach möglich, die Qualität der Erbanlagen einzusehen. Heute wissen wir, dass es sich dabei um einen fatalen Irrtum handelte. Die Erforschung der Erbanlagen und der Versuch, durch eugenische Maßnahmen Einfluss auf den Menschen zu nehmen, hat bis heute hingegen keineswegs nachgelassen. 1985 wurde in den Vereinigten Staa-ten das Humangenomprojekt (HGP) in die Wege geleitet. Ziel war es, die Gesamtheit der genetischen Informationen des Menschen, also das menschliche Genom, zu ent-schlüsseln. Gut 20 Jahre später, um genau zu sein am 19. Mai 2006, veröffentlichte die Fachzeitschrift „Nature“ die fast 100% genaue Sequenzierung des letzten noch fehlen-den Chromosoms. Der ehemalige US-Präsident CLINTON hat sich in Anbetracht der vollständigen Entschlüsselung des menschlichen Erbguts zu einer Rede hinreißen las-sen, in der er betont, dass wir nun im Stande sind, die Sprache zu lernen, mit der Gott das Leben geschaffen hat. (vgl. MURRAY 2009, S. 104). Jetzt geht es darum – so könnte man ergänzen – die Sprache auch zu sprechen. Und wie spricht man diese Sprache? – Indem durch biotechnische Maßnahmen einzelne Gensequenzen herausgeschnitten, Ge-ne manipuliert oder hinzugefügt werden. Mit anderen Worten: Wir sind heute bereits in der Lage, die Erbanlagen eines noch ungeborenen Menschen zu verändern. Eine solches Eingreifen hat weitreichende Konsequenzen. Eugenik, aber liberal!
Wenn wir die bisher angestellten Überlegungen Revue passieren lassen, können wir festhalten, dass die Pädagogik und die Biowissenschaften offenbar ein ähnliches Ziel verfolgen: beide wollen sie den Menschen verbessern. Zwischen beiden gab es in der Vergangenheit eine Arbeitsteilung, und diese Arbeitsteilung basierte im Wesentlichen auf drei Voraussetzungen: 1. Jedes Kind bringt von Natur aus Eigenschaften mit sich. Auf diese Eigenschaften kann der Mensch nicht einwirken. Wir haben das sehr ein-drücklich sowohl bei PLATON als auch bei Ellen KEY beobachten können. Beide haben sich notgedrungen für den mittelbaren Weg ausgesprochen, indem ihre Maßnahmen auf die potenziellen Eltern abzielten. Kommen wir zur 2. Prämisse: Die menschliche Natur bedarf der Erziehung. Der bereits angesprochene Immanuel KANT hat diesen Gedanken 1803 in seiner Pädagogik-Vorlesung auf den Punkt gebracht und in etwa so formuliert: Nur durch Erziehung kann der Mensch zu einem Menschen werden. (vgl. KANT 1803/1983, S. 699). Eine solche Aussage wird einem Vollblut-Naturwissenschaftler vermutlich merkwürdig erscheinen. Der Nobelpreisträger und Mitinitiator der Human-genomprojekts, James D. WATSONS, hat im Jahr 2000 in einem FAZ-Artikel mit der be-zeichnenden Überschrift Die Ethik des Genoms. Warum wir Gott nicht mehr die Zukunft des Menschen überlassen dürfen festgehalten: „Wir verdanken es nämlich nicht unserer Umwelt, sondern unserer Natur, also unseren Genen, daß wir Menschen und keine Schimpansen sind.“ (WATSON 2000). Für die Pädagogik sind die richtigen Gene zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingungen zur Menschwerdung. Das Menschsein geht mit dem (genetischen) Menschen gewissermaßen als Möglichkeit ein-her, doch diese Möglichkeit muss erst noch wirklich werden, und das kann sie einzig und allein über Erziehung. Um nicht lange um den heißen Brei zu reden: Der Mensch ist ein Vernunftwesen, wenn er nicht gelernt hat, seine Vernunft zu gebrauchen, hat er sein Menschsein verfehlt. Die dritte Voraussetzung, welche die einstige Arbeitsteilung von Pädagogik und Biowissenschaften bezeichnet, betrifft die anthropologische (also: den Menschen betreffende) Verschränkung von Anlage und Umwelt. Das bedeutet, der ge-netische Bauplan des Menschen würde ins Leere verlaufen, wäre nicht die Erziehung, die dafür sorgt, dass der Mensch auch wirklich sein Menschsein entfalten kann. Umge-kehrt braucht die Erziehung die mit dem Menschen einhergehenden (natürlichen) Anla-gen, sonst hätte die Erziehung nichts, was zu erziehen wäre. Scheint nun aber am gar nicht mehr so fernen Horizont die Möglichkeit auf, die Erban-lagen eines ungeborenen Kindes manipulieren zu können, bedeutet das zweierlei. Zum einen wird die angeführte Arbeitsteilung hinfällig. Wo die Pädagogik bisher mit den na-türlichen Anlagen des Kindes arbeiten und das Beste aus dem machen musste, was ihr die Natur vor die Nase gesetzt hat, kann sie dank der biotechnischen Entwicklungen mit den Eltern und den Biowissenschaftlern zusammen bereits vor der Geburt auf die Gene des Kindes einwirken und damit für geeigneteres Ausgangsmaterial sorgen. Der Päda-goge könnte also bei der gentechnischen Gestaltung eines Menschen eine beratende Funktion einnehmen. Damit wird zweitens ein urpädagogischer Traum wahr: den Men-schen über kurz oder lang so zu verbessern, dass nicht mehr nur eine Annäherung an die Idee (der Vollkommenheit), sondern ein Eins-werden (oder besser: Eins-machen) mit der Idee stattfindet. Und warum nicht noch einen Schritt weiter gehen, warum nicht das Genmaterial so zurichten, dass eine Erziehung gar nicht mehr erforderlich ist? Warum also nicht den Menschen gleich von Anfang an vollkommen machen? Jürgen HABERMAS hat in seiner 2005 erschienenen Schrift Die Zukunft der menschli-chen Natur die Frage aufgeworfen, ob wir uns nicht bereits längst schon auf dem Weg zu einer liberalen Eugenik befinden (vgl. HABERMAS 2005). Im Gegensatz zur „alten“ Eugenik, wie sie im Zusammenhang mit Francis GALTON und Ellen KEY bereits er-wähnt wurde, entscheidet bei der „neuen“ bzw. liberalen Eugenik nicht der Staat über Maßnahmen zur Verbesserung des Genpools einer Gesellschaft. Es sind vielmehr die Eltern, die über das Gestalten des Erbmaterials der eigenen Kinder bestimmen. Mit ei-ner liberalen Eugenik haben wir es heute bereits u. U. im Zusammenhang mit der künst-lichen Befruchtung zu tun. In der Regel werden hier mehrere Eizellen befruchtet. Nun ist es bereits heute ohne große Probleme möglich, die genetische Zusammensetzung der Embryonen zu untersuchen. Gesetzt den Fall, das Genom eines Embryos lässt mit hoher Wahrscheinlichkeit auf eine mögliche spätere Krebserkrankung oder auf eine Behinde-rung oder – und das ist noch(!) Zukunftsmusik – auf eine geringe Intelligenz schließen, könnten sich die Eltern dafür entscheiden, genau diesen Embryo nicht einzupflanzen. Das ist liberale Eugenik, um genau zu sein: eine negative liberale Eugenik. Negativ be-deutet in diesem Zusammenhang, dass „schlechtes“ Erbmaterial aus dem Genpool ent-fernt wird. Es ist zu vermuten, dass es bei dieser Form der Eugenik nicht bleiben wird. Seitdem das menschliche Genom entschlüsselt ist, beschäftigt sich insbesondere die prädiktive (also: voraussagende) Medizin mit der Aufklärung der Funktion der einzelnen Gene und deren Zusammenspiel. Es geht also darum, herauszufinden, welche Gene für welche Eigen-schaften, aber auch Krankheiten, verantwortlich sind. Ein Ziel des Ganzen besteht u.a. darin, mit Hilfe von Gentechnik zukünftigen Krankheiten vorzubeugen. Nehmen wir einmal an, eine genetische Veranlagung für eine totbringende Krankheit, bspw. Muko-viszidose, wäre durch einen biotechnischen Eingriff beseitigbar, so mag das erst einmal positiv erscheinen. Bedauerlicherweise herrscht aber keineswegs Einigkeit darüber, was alles als Krankheit zählt und was nicht. Bei Mukoviszidose scheint das einfach, bei Brustkrebs ebenso. Schwieriger wird es schon bei der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Während die einen ADHS als (auch) genetisch be- dingte Krankheit versteht, die es medikamentös zu behandeln gilt, führen andere gute Gründe an, ADHS als Ausdruck von ausgesprochen gesunden Kindern in einer gestör-ten Gesellschaft zu interpretieren, einer Gesellschaft, in welcher der Leistungsdruck längst schon auf die Kindheit übergreift. Noch schwieriger wird es, wenn wir die Intel-ligenz eines Menschen in den Blick nehmen. Vor wenigen Jahren hat sich der schon er-wähnte James D. WATSON in der Londoner Times zur Frage geäußert, ob eine geringe Intelligenz eine Krankheit sei. Seine „Diagnose“ lautet: „Wenn man wirklich dumm ist, würde ich das eine Krankheit nennen“ (WATSON zit. in SANDEL 2000, S. 92). Eine sol-che Aussage steht symptomatisch dafür, dass unsere Vorstellungen von Krankheit nicht nur wandelbar, sondern ganz und gar uneindeutig sind. Das wiederum hat ernsthafte Konsequenzen für die liberale Eugenik. Nehmen wir an, in unserer Gesellschaft herrscht eines Tages weitestgehend Einigkeit darüber, eine geringe Intelligenz als Krankheit zu verstehen. Und nehmen wir weiter an, in absehbarer Zeit wäre es möglich, die Gene ei-nes Embryos so zu verändern, dass eine höhere Intelligenz möglich wird. In diesem Fall hätten wir es nicht mehr mit einer negativen (ausschließenden), sondern einer positiven (gestaltenden) liberalen Eugenik zu tun. Das wäre unzweifelhaft eine Form des Men-schen-verbesserns, also Human Enhancement. In aller Regel sind Eltern von dem Wunsch beseelt, Kindern die besten Voraussetzun-gen für einen guten Start ins Leben zu bereiten. Das beginnt häufig schon während der Schwangerschaft. Mütter achten hier besonders auf eine gesunde, dem ungeborenen Kind zuträglich Ernährung, verzichten möglichst auf unnötigen Stress, nehmen Vorsor-geuntersuchungen wahr usf. Ist es hier nicht lediglich eine kleine, nur graduelle Steige-rung, auf die aufscheinende Möglichkeit einer gentechnischen Verbesserung des Emb-ryos zurückzugreifen? Eiserne Ketten?
Hannah ARENDT entfaltet in ihren Buch „Vita activa“ den Gedanken einer Kette der Kultur. Gemeint ist damit die Weitergabe von kulturellen Errungenschaften von einer Generation an die nächste. Allerdings erfährt diese Weitergabe mit jeder Geburt einen Bruch. Immer dann, wenn ein Mensch geboren wird, bricht mit ihm etwas Neues, zu-tiefst Eigenes, Unvorhersehbares in die Welt ein. Im Zuge der Geburt, so könnte man es formulieren, zerreißt die Kette der Kultur. Durch den neuen Menschen und das Neue, das diese Mensch mitbringt, wird gleichsam ein neuer Anfang, ein initium, gesetzt (vgl. ARENDT 1981, S. 15f.). Dieses Neue ist außerordentlich bedeutsam, denn mit ihm scheint eine Frage auf, die an die bestehende Gesellschaft gestellt wird. Das, was ist, wird vom neuen Menschen befragt, womit das Bestehende in Frage steht und sich dem Neuen gegenüber zu legitimieren, man könnte auch sagen: neu zu begründen hat. Das Zerreißen der Kette der Kultur ist daher keineswegs ihre Zerstörung, sondern die Vo-raussetzung für ihre Lebendigkeit. Es geht nämlich nicht darum, den neuen Mensch an das Bestehende anzupassen und ihn damit gleichsam fest zu ketten. Vielmehr geht es um eine Vermittlung des Alten mit dem Neuen, eine Vermittlung, durch die etwas Drit-tes entstehen kann. Dieses Dritte ist keine gemeinsame Schnittmenge, sondern etwas Neues, in dem sich Altes aufgehoben findet. Es ist ein Raum der Möglichkeiten, ein po-tenzieller Raum. Zerreißen und Erneuerung der Kette der Kultur sind angesichts der liberalen Eugenik in Gefahr. Es ist nämlich keineswegs nur eine kleine, graduelle Steigerung, wenn gentech- nisch auf den Menschen zugegriffen wird. Ganz im Gegenteil zeigt sich hier ein ent-scheidender Unterschied zwischen Biowissenschaften und Pädagogik. Wo Biowissen-schaften es im Grunde genommen mit einem Ding, einer Sache, eben einer befruchteten Zelle zu tun haben, ist der Gegenstand der Pädagogik gerade kein Gegenstand, sondern ein Gegenüber. Genauer: Die Handlung des Gentechnikers richtet sich auf das Andere, die des Pädagogen auf den Anderen. Pädagogik hat es daher immerzu mit der Freiheit des Anderen zu tun, sie kann daher nur mit dem Anderen arbeiten und an dessen Ein-sicht appellieren. Hingegen hat derjenige, der das Ausgangsmaterial gentechnisch zu-richtet, mit der Freiheit des (ungeborenen) Menschen nichts zu schaffen. Genaugenom-men existiert diese Freiheit noch nicht, sie haften dem Objekt der Zurichtung lediglich als Möglichkeit an und bricht erst mit der Geburt in die Welt ein. Und trotzdem ist es ein Unterschied, ob ich es mit irgend einer Sache zu tun habe, die ich weitestgehend be-liebig gestalten kann, oder mit dem Embryo als eine bestimmten Sache. Denn während aus einem x-beliebigen Ding nichts wird, weil es bereits ist, was sie ist, entwickelt sich aus dem Embryo ein Mensch, der stets aufgerufen ist, sich in die Welt zu entwerfen, sich also selbst zu gestalten. Wenn nun ein solcher Mensch vor seiner Geburt auf Wunsch der Eltern gestaltet wurde, so ist er mit dem Problem konfrontiert, sich auf nichts Unverfügbares berufen zu können. Eine vorgängige, unverfügbare Natur, wie wir heutigen Menschen sie noch haben, bleibt dem gentechnisch Veränderten verwehrt. Er ist geworden, aber in seinem Gewordensein zugleich gemacht und zwar keineswegs nach dem blinden Willen einer Natur, sondern sehenden Auges von Gentechnikern nach dem Willen der Eltern. Es ist höchst fragwürdig, ob wir es hier im Falle der Geburt tat-sächlich noch mit einem Zerreißen der Kette der Kultur zu tun haben oder ob nicht vielmehr diese Kette das vermeintlich Neue allzu sehr an das Bestehende fesselt. Verbessere Dich!
Gentechnisch auf die Erbsubstanz eines Menschen einzugreifen – unter welchem Vor-wand auch immer – ist moralisch höchst fragwürdig, weil die noch nicht entwickelte Freiheit des Menschen notwendiger Weise übergangen wird. Nun hat es Pädagogik ak-tuell weniger mit Ungeborenen, sondern mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zu tun. Ihr Aufgabenfeld liegt, wenn auch nicht ausschließlich, in der Erziehung und Bildung. Erziehung ist vorwiegend Fremdbestimmung, aber sie hat die Freiheit des An-deren immer im Blick und zielt darauf ab, den Menschen zur Selbstbestimmung zu füh-ren. Wenn wir von Bildung sprechen, dann meinen wir Selbstbestimmung. Selbstbe-stimmt sein Leben zu gestalten setzt Mündigkeit voraus. Ein einfaches Verständnis von Mündigkeit meint, sich selbst der eigene Vormund zu sein. In unserer Gesellschaft gilt Mündigkeit als ein ausgesprochen hohes Gut. Das hat interessanterweise weniger mora-lische als vielmehr ökonomische Gründe. Das Wirtschaftssystem der Bundesrepublik wird als soziale Marktwirtschaft bezeichnet und stellt damit eine Form des Kapitalismus dar. Mit Kapitalismus geht einher, dass der Markt über den Wert einer Sache bestimmt. Die Arbeitskraft des Menschen ist im Kapitalismus eine Sache und zwar eine, die der Einzelne auf dem Markt möglichst teuer verkaufen will. Um nun den Wert der eigenen Arbeitskraft zu steigern, ist Bildung erforderlich, denn Bildung ist die Voraussetzung einer Mündigkeit im doppelten Sinn. Zum einen bedeutet Mündigkeit selbstständig auf dem Markt agieren zu können. Zum anderen aber auch, sich selbst zu gestalten. Dieses Sich-selbst-gestalten (bzw. Selbstbildung) ist zwingend erforderlich, um den eigenen Marktwert hoch zu halten. Dabei ändern sich die Markanforderungen permanent. Der Einzelne muss daher sowohl die aktuellen als auch die zukünftigen Anforderungen im Blick behalten und an sich selbst jene Fähig- und Fertigkeiten ausbilden, die erforder-lich sind, um für den Markt weiterhin attraktiv zu sein. Das schließt nun die Möglichkeit der Selbstverbesserung ausdrücklich mit ein. Bereits seit einigen Jahren sind nicht nur in den USA, sondern längst auch in Deutsch-land Neuropharmaka erhältlich, die eine Steigerung und damit eine Verbesserung der eigenen Leistungsfähigkeit bewirken. Modafinil, ein Medikament zur Behandlung der Narkolepsie (Schlafanfälle), ermöglicht bei Gesunden eine Ausdehnung der Wachpha-sen. Prozac, ein Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, erzeugt eine positive Grundstim-mung und wirkt ganz hervorragend leichten depressiven Verstimmungen entgegen. In einem Wirtschaftssystem, in dem der gutgelaunte, flexible und stets erreichbare Arbeit-nehmer gewünscht wird und die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt zunehmend wächst, ist es naheliegend, den eigenen Marktwert auch unter Rückgriff auf Neuro-Enhancement zu verbessern. Genau an dieser Stelle ist die Pädagogik gefragt, denn eine solche Form der Selbstgestaltung lässt darauf schließen, dass sich der Mensch im We-sentlichen als Objekt wahrnimmt, das es nach Belieben zuzurichten gilt. Ähnlich wie eine Sache verbessert werden kann, um deren Wert zu steigern, ist der Mensch davon überzeugt, er könne den eigenen Körper und Geist bio-, neuro- oder sonst wie technisch optimieren. Ein solches Denken mag dem Zeitgeist entsprechen, ist aber nichtsdestot-rotz Ausdruck einer ins Wahnhafte gesteigerten Machbarkeitsvorstellung. Der Mensch wähnt, er könne letztlich vollkommen über sich selbst verfügen, als wäre er ein Ding. Was noch nicht möglich ist, erweist sich diesem Denken gemäß tatsächlich als noch(!) nicht möglich. Damit aber gerät die eigene Freiheit als ein sowohl für andere als auch für sich selbst unverfügbares Moment aus dem Blick. Der Mensch ist von sich selbst ge-trennt, so habe ich meine Überlegungen eingeleitet, und eben dieses Getrenntsein ist die ontologische (seinsmäßige) Voraussetzung dafür, dass der Mensch sich zu sich selbst verhalten kann und muss. Man kann das Getrenntsein auch so verstehen: Der Mensch ist frei von sich, und eben dieses Freisein ermöglicht es ihm, sich in die Welt zu entwerfen. Dabei ist die Freiheit von sich selbst zugleich notwendige Bedingung dafür, dass der Mensch (im Gegensatz zu allen anderen Dingen in der Welt) in ein Verhältnis zur Welt treten kann. Damit ist nicht nur ein Anschauen der Welt möglich, sondern auch ein Ver-ändern der Verhältnisse. Wir befinden uns aktuell auf einem höchst bedenklichen Weg. Wir wirken zunehmend über Neuropharmaka auf uns ein, um den Anforderungen eines gegebenen Systems ge-recht zu werden. Wir erklären unsere Kindern für krankhaft verhaltensauffällig und be-handeln sie mit Ritalin und vergleichbaren Medikamenten, die interessanterweise gar nicht heilen, sondern lediglich für ein reibungsloseres Funktionieren sorgen. Wir spielen mehr und mehr mit dem Gedanken, auf die Gene unserer noch ungeborenen Kinder ge-staltend (d.h. manipulativ) einzuwirken, um ihnen bessere Ausgangschancen im Leben zu ermöglichen. Vielleicht ist aber gerade der Wahn, mit uns selbst und dem Erbmateri-al unserer Kinder machen zu können, was wir wollen, Ausdruck eines Unvermögens oder mangelnden Mutes, die Welt so zu gestalten, das sie eine uns gemäße, also eine menschlichere wird. KANT hat in seiner Preisschrift Was ist Aufklärung nicht umsonst Mündigkeit vor allen Dingen als Mut verstanden, sich seines eigenen Verstandes ohne fremde Anleitung zu bedienen. Dem Diktum „Verbessere dich!“ mehr oder weniger blindlinks zu folgen ist das Gegenteil eines eigenständigen und damit eines von Mut ge- tragenen Denkens. Angesichts der biotechnischen Entwicklungen und der aufscheinen-den Möglichkeiten zunehmend erweiterter Selbstoptimierung ist es aus meiner Sicht Aufgabe der Pädagogik, für einen erweiterten Mündigkeitsbegriff einzutreten. Eine sol-che erweiterte Mündigkeit bietet weder Antworten noch Handlungsanweisungen, son-dern beinhaltet zum einen eine Sensibilität und damit ein wertschätzendes Bedenken der eigene Unverfügbarkeit. Zum anderen geht es darum, den Menschen zu bestärken, nicht sich selbst an die gegebenen Umstände anzupassen, sondern die Welt entsprechend der eigenen Menschlichkeit (neu) zu gestalten. Literatur
Arendt, H. (1981): Vita activa oder Vom tätigen Leben. München-Zürich: Piper Habermas, J. (2005): Die Zukunft der menschlichen Natur. Auf dem Weg zu einer libe-ralen Eugenik? Frankfurt am Main: Suhrkamp (Erweiterte Ausgabe). Hegel, G. W. F. (1837): Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte. In: ders. (Hrsg.): Werke. Bd. 9. Berlin: Duncker und Humblot Kant, I. (1838): Idee zu einer Allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht. In: Rosenkranz, Karl; Schubert, Friedrich Wilhelm (Hrsg.): Sämtliche Werke Bd. 7. Leipzig: Leopold Voss Kant, I. (1803/1983): Über Pädagogik. In: ders.: Schriften zur Anthropologie, Ge-schichtsphilosophie, Politik und Pädagogik. Zweiter Teil. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft Key, E. (1992): Das Jahrhundert des Kindes. Weinheim und Basel: Beltz (Mit einem Nachwort v. U. Herrmann). Murray, S. J. (2009): The Perils of Scientific Obedience: Bioethics under the Spectre of Biofascism. In: Murray, S. J.; Holmes, D. (Hrsg.): Critical Interventions in the Ethics of Healthcare. Challenging the Principle of Autonomy in Bioethics. Farnham, Burlington: Ashgate Platon (2008): Politeia. In: ders.: Sämtliche Werke. Band 2. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag. Sandel, M. J. (2008): Plädoyer gegen die Perfektion. Ethik im Zeitalter der genetischen Technik. Berlin: University Press (Mit einem Vorwort von J. Habermas) Sartre, J.-P. (1943/ 13. Aufl. 2007): Das Sein und das Nichts. Versuch einer phäno-menologischen Ontologie. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt (hrsg. v. T. König). Schopenhauer, A. (1840/1977): Die beiden Grundprobleme der Ethik. Zürcher Ausga-be. Band VI. Zürich: Diogenes Watson, J. D. (2000): Die Ethik des Genoms. Warum wir Gott nicht mehr die Zukunft des Menschen überlassen dürfen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 224, 26.09.2000

Source: http://www.pedocs.de/volltexte/2013/7866/pdf/Damberger_2013_paed_enhancement.pdf

Gastroscopy

GTA Endoscopy Services Inc. During the procedure small samples (biopsies) may be taken. These will be 305 Milner Ave., Suite 920, sent to the laboratory for examination by the pathologist. The testing may Scarborough, ON include looking for a bacteria known as Helicobacter pylori which is associated Phone: 416.321.3883 GASTROSCOPY After the procedure you will be allowed t

Pressemeddelelse vedr

Pressemeddelelse vedrørende koncert i Nordjysk Sangselskab søndag den 6. marts 2011. Søndag den 6. marts kl. 14, i hjertet af Aalborg Operafestival, inviterer Nordjysk Sangselskab til en koncert, hvor de store følelser er på spil. I brudfladen mellem romantik og senromantik maler komponisterne med store penselstrøg. I selskab med Schubert, Schumann, Strauss, Wolf og Berg skal vi møde

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